Zum Prinzip der Band
Die speziell in Deutschland zu beobachtende musikalische Regression rückt das Prinzip der Band zurück in den Vordergrund der Musikvisualisierung. Dies drängt nach Kritik.
Lange Zeit standen Solisten, in Person eines Vokalisten oder den Solistenvereinigungen im Prinzip der Popgroup im Vordergrund. Waren Popgroups nicht nur aufgrund ihres Namens dem Prinzip der Band fern, so zeichnete sie - ebenso wie andere Solisten - immer auch die scharfe Abgrenzung zu den Musikern aus, welche im Hintergrund verblieben oder nicht einmal auftauchten.
Visualisierung und musikalische (Re)produktion fielen damit nicht in eins. Machen und Darstellung fielen auseinander und fanden höchstens im - oftmals offensichtlich überarbeiteten - Gesang den Verknüpfungspunkt. Die Musik litt also nicht unter der Visualisierung, sondern die Visualisierung höchstens unter dem Rhythmus der Musik. Zumindest die Autonomie der Musik war ausgeprägter.
Solist oder Group standen und stehen mit vollem Bewusstsein im Vermarktungsprozess und behaupteten keine Vermengung zwischen Produktion und Darstellung der Musik. Sie stellten zumeist keine primär eigene Erfahrung musikalisch dar und behaupteten, bis auf den Gesang, keinerlei Musik schaffendes Geschick.
Das Prinzip der Band, sei es im Britpop, der "Avantgarde" oder "Independent" Musik oder - natürlich - der populären deutschen Musik, wie es in den letzten Jahren auch seinen öffentlichkeitswirksamen Ausdruck findet, behauptet Authentizität. Musikalische Formgebung und Inhalt werden, dem eigenen Anspruch nach, von der Band selber geleistet. Ihre Legitimität wird nicht aus der musikalischen Ästhetik oder der guten Vermarktung, sondern aus der Echtheit" der Band gezogen. Darunter muss auch die Musik leiden. Die Unterordnung der Musiker unter das Prinzip der Band hat auch eine Unterordnung der Ästhetik unter die beschränkten Möglichkeiten der Instrumentalisierung zu folgen. Die musikalische Idee wird früher oder später stets auf die Möglichkeit der "Livereproduktion" überprüft und beschränkt. Zwar ist positiverweise zu vernehmen wie abstrakte Tonbearbeitung, "Überproduktion" oder "Effekthascherei" auch den Bereich der "Bandmusik" erreicht, doch wird gerade von den Fans diese ästhetische Form abgelehnt und die Authentizität - auch des Sounds - zurückgefordert. Dieser Regress kulminiert in der Technik der bewussten Qualitätsdrosselung der Soundklarheit. Positiv ist auch hier zu bewerten, dass die Klangbeherrschung auch dies praktisch erfüllen kann, doch vermengt sich die Forderung nach Authentizität immer auch mit der Nichtwahrnehmung oder gar Anfeindung des Abstrakten.
Musikproduktion, also effektvolle Nachbearbeitung des Tonkünstlers, wird ausgeblendet und auf "Effektgeräte" zurückgeführt, also konkretisiert. Nachbearbeitung wird allgemein gar verfehmt und gilt als Zeichen des Artifiziellen. Auch Komposition wird auf das "Songwriting" oder gar "Jamming" reduziert.
Dies hat nicht nur die redundante Reproduktion von tonalen Mustern und Abläufen zur Folge, sondern lässt das musikalische Werk zum scheinbar unmittelbaren Ausdruck des Musikers gerinnen. Die Vermitteltheit des Ausdrucks durch Instrumentverwendung und Unterordnung unter das tonale Muster und gewohnte Instrumentierung wird dabei ignoriert und als Natürlichkeit missverstanden und somit verewigt. Musik entspringt hier, so die ideologisch-naturalistische Annahme, dem Musiker (oder gar Bandkollektiv) selber und fließt diesem scheinbar aus dem Herzen". Es "flowt", "jammed" oder "rockt" und steht damit scheinbar außerhalb der gesellschaftlichen Vermitteltheit. Alle abstrakten Prozesse werden auf ihre unmittelbare Reproduzierbarkeit beschränkt und somit konkretisiert. Die konkrete (Re)produktion der Musik wird dabei dem künstlichen, elektronisch überarbeiten des abstrakten Produzenten entgegengestellt. Es gilt die Behauptung mit der technischen Ausstattung könne "jeder gut klingen", ohne das nötige Kunsthandwerk des Produzenten zu betrachten. Die "eigentliche" Band schaffe, so die Ideologen, alles aus eigenem Antrieb, wohingegen der künstliche, gecastete Musiker nur durch Kapitalaufwand und ominöse/mächtige Hintermänner zu seinem Erfolg gebracht wird. Das Prinzip der Band ist die Konkretisierung des Abstrakten.
War unmittelbare handwerkliche Reproduktion bis zum Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Werke eine Notwendigkeit, so verliert dies heutzutage seine Legitimität. Dienten die Musiker oftmals der von ihr erstellten Musik, in durchaus unterordnender Weise, so dient die Bandmusik dem Ausdruck der Band. Die Band bleibt nicht Mittel der Musik, sondern wird zu ihrem Zweck. Die außer sich selbst liegende Zweckmäßigkeit zeigt sich auch in der bloßen Darstellungsfunktion der Bandmusik. Diese dient dem Ausdruck von angeblichen oder tatsächlichen Erfahrungen oder Emotionen der Band oder ihrer Mitglieder. Dass eine emotionale Sublimierung nur akut Sinn machen würde und in ihrer Reproduktion zum Paradoxon wird, ist ebenso Kritikpunkt wie der bloße Bezug auf Tatsächlichkeiten, welche, soweit ist die Band positivistisch, nur in ihren Erscheinungen reflektiert wird.
Die Betonung des "machens" liegt dabei schon im Prinzip der Band an sich veranlagt. Sie erscheint folgerichtig auch in der Vorführung. Reelles oder scheinbar künstlerisches Geschick steht hier im Zentrum, ohne jedoch die potentielle Reproduktion durch jedermann zu versagen. Doch nicht selten verkommt die technisch minderbemittelte Nachahmung zum Cliché.
Musik wird in ihrer Schaffung nachvollziehbar und verliert ihre Exterritorialität, welche manche Musik aufgrund ihrer Neuartigkeit, ungewöhnlichen Schaffungsweise oder komplexen Konzepte noch immer bewahren kann. Ein utopischer Überschuss kommt nirgends zur Geltung, außer der, sich mittels einer Band einen quantitativen Vorteil im Bestehenden zu verschaffen.
Herz voll Leid und Missgeschick,
Das voll sehnsucht Eden sucht,
Weine! - Oder sei verflucht!
Baudelaire
Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Leronoth« (29. März 2007, 18:55)