Seid gegrüßt.
Todeslisten sind meine Spezialität und Copyrights breche ich damit ja auch nicht. Also: der erste, zaghafte Versuch:
der vertraute Fremde
Empor hob sich die Dämmerung im Osten und webte blasses Gold sanft an die Hügellande tief im Süden, purpur Zwielicht an den kahlen Fels im Norden, wo der Winter erst erwacht.
Wind der Zeit trug Kältes Klänge durch das Dorf und des Winters Gabe Silberschleier säuselnd über Gottes Acker. Im Turm der kleinen Dorfkapelle schwebte kläglich Ton der Glocke- Nachhall frühen Todes. Und schwarze Vögel blickten schweigend auf das junge Grab hinab. Vergessen waren Raum und Zeit, wie sie dort weilte Stund´ um Stunde. Doch der Kummer konnte keine Träne finden. Hundert Fragen hoben schweigend mit dem Atemhauch sich aus den bleichen Lippen, nur Antwort wollte keine in die Stille finden. Wie konnte er so früh nur scheiden? Kein Wort zum Gruß des Abschieds bringen? Wer hat den Liebsten ihr entrissen und weist nun keinen Weg des Trostes durch die Einsamkeit?
Das Auge fand sich wieder in der letzter Nacht. Erinnerung, die kaum der Geist gewahrt. Als all die Trauernden vom Leichnam wichen, der, gleich in Schnee, in weißen Linnen aufgebahrt, da trat sie an die Schwelle der Kapelle. Von Kerzen war er warm umgeben, den besten Anzug sollt´ zur letzten Reise er auch tragen und Weihrauch lag so süß und schwer in jenem Raum, dass ihr Sinn vernebelt und die Engel an den fahlen Wänden mit leisem Flügelschlag ihr schon zu folgen schienen. Es war, als wäre sie sich fremd geworden. Vermocht´ zu sprechen nicht, ja gar das Fühlen schien dem jungen Herz verwehrt. Sie trat an seine letzte Ruhestätte und blickte lang ihn an. Im flackernd´ Schein der Kerzen schien die stolze Brust sich noch mit Luft zu füllen und es war, als würd´ das edle Haupt sich jeden Augenblick erheben, um die Verblieb´ne aus dem Alptraum dieser Stunde zu erlösen. Doch nichts dergleichen sollt´ geschehen. Da deckten Tränen seinen kalten Leib und ihre Lippen versiegelten in seinen die ew´ge Liebe mit dem letzten Kuss.
Und aus dem Korb, den sie mit sich getragen, nahm die Maid ein Katzentier, so schwarz, wie nur die sternenlose Nacht es ist. Sie schluchzte und sie bebte und ihr Herz zersprang in tausend Scherben, als sie das Tier sanft auf die Bahre setzte. Das teuflische Geschöpf sprang, einem Schatten gleich, lautlos über die Hülle des Verstorb´nen hin. Da wichen alle Engel aus dem Raume und der Wind, der brüllend durch das Tor gestoben kam, erstickte fauchend aller Kerzen Licht! Eines Schreies Echo kam tausendfach von dem Gewölbe, gefolgt vom schrillen Lachen dunkler Schatten die um die Maid und ihren toten Liebsten tanzten und dann auf Sturmes Flügeln in die Nacht entschwanden.
Drei Tage und drei Nächte war der Schnee darauf gefallen.
Der Wind sang in den leeren Gassen und klapperte an Fensterläden. Die Trauernde saß mit der Magd in warmer Stube und versuchte, sich im Stricken ab zu lenken. Da war ein Klopfen an der Tür zu hören. Die Maid, sie ging, und fragte, wer dort sei. “Ein vertrauter Fremder bin ich, gute Seele. Öffne mir die Tür.” Eiskalt lief es ihr durch alle Glieder- erkannte sie im Sturm die Stimme ihres Liebsten, den vor drei Tagen sie zur Erde hat gelegt. “Der Teufel ists, der Teufel ists!” rief die Magd da, eilte hin und verriegelte die Tür. “Euer Liebster, Herrin, der ist tot.”
Die nächste Nacht jagte der Sturm noch lauter durch das Dorf und um die alten Höfe. Doch deutlich war zu hören wieder da das Klopfen und die Stimme, die sanft sprach: “Ein vertrauter Fremder bin ich, gute Seele. Öffne mir die Tür.” Und die Maid in schweren Tränen, brach an dem Tor zusammen. “Mein Liebster ists, der draußen steht und friert!” Doch wieder war die Magd bei ihr und verriegelte die Tür: “Der Teufel ists, der Teufel ists! Euer Liebster, der ist tot.”
In der dritten Nacht war Winters Sturm verstummt und nur der Schnee glitt lautlos aus der Ewigkeit hernieder. Die Glocken riefen schon zur Abendmesse und die Magd verließ das Haus. Die Herrin aber blieb zurück, denn ihr war nicht gut.
Dann war nur Stille ihr Geleit und Angst und Hoffnung standen bei ihr an der Tür. Sie lauschte dort auf einen Schritt, auf eines Pferdes Schnauben wohl. Doch nichts. Und als das Warten ihr die Hoffnung schon erstickte, vernahm sie leise, als wäre es in ihren Ohren selbst, die Stimme, die sie so entbehrt: “Ein vertrauter Fremder bin ich, gute Seele. Öffne mir die Tür.” Da tat sie, wie ihr sanft geheißen und öffnete die Tür. Er stand da. Und sie hier. Unter Tränen blickte sie das Bildnis dessen, dem sie ewiglich ergeben, wenngleich den Leib des Auferstandenen ein sonderbarer Schatten zu umhüllen schien. Seine klamme Hand ergriff die ihre und seine kalten Lippen legten sich an die, der Maid. Stöhnend sank sie in den Arm des Fremden, der ihr so vertraut.
Empor hebt sich die Dämmerung im Osten und webt blasses Gold sanft an die Hügellande tief im Süden, purpur Zwielicht an den kahlen Fels im Norden, wo der Winter still entschlafen. Er aber ging nach Westen, wo in den Wäldern noch die Ahnung dunkler Nächte weilt. Die Maid jedoch ward niemals mehr geseh´n.
Gehabt euch wohl, der Schütze
der Schütze